Gespräche unter Freunden
Liebe ist überall. Liebe ist das Simpelste, was es gibt und das Komplizierteste zugleich.
Ich brauche (eigentlich) kein Geld für Liebe, ich brauche (eigentlich) nichts um zu lieben. Ich muss der Liebe nur Aufmerksamkeit schenken, damit sie existieren kann.
Wir sind es selbst, die Liebe kompliziert machen, wir wollen Liebe verstehen und sie kategorisieren. Wir verbinden Liebe mit Erwartungen. Ob wir wollen oder nicht. Leider ist es so. Liebe geht zusammen mit Beziehung und das koppeln wir mit klaren Vorstellungen…

Ich habe dieses Buch von Sally Rooney innerhalb von ein paar Tagen gelesen… wahrscheinlich genau deshalb, weil es sich um keine außergewöhnlichen Leben handelt, die die vier Romanfiguren führen. Man darf ihnen nur aus ungewöhnlicher Nähe dabei zusehen: Darf sie beobachten, wenn sie Themen wie Treue und Freiheit neu verhandeln, wenn sie an emotionale Grenzen stoßen und ihr Innerstes durchlaufen.
Beim Schreiben des Romans habe sie sich vor allem dafür interessiert, was Intimität heute bedeutet, wie sie sich anfühlt und inwieweit zwischenmenschliche Beziehungen von äußeren Faktoren beeinflusst werden. Faktoren wie Geld, Herkunft, Geschlecht oder Klasse. Gespräche mit Freunden ist eine Liebesgeschichte und ein Gesellschaftsroman, der die großen Fragen zeitgenössischen Lebens in einem kleinen Freundeskreis zur Schau stellt.
(aus der Die Zeit online von Carolin Würfel, 17.07.2019)
Hier habe ich einen Auszug aus dem Buch gewählt, in dem einiges wiederfinde zu meinen Gedanken und Fragen: Ich tue etwas, was dich verletzt, ich bitte um Entschuldigung. Zeige, wie durcheinander ich bin und dennoch klar in meinem Gefühl zu dir. Und dann frage ich, was Liebe überhaupt ist und ab wann wir von einer Beziehung sprechen und ob ich nicht mehrere Menschen gleichzeitig lieben kann, denn dich liebe ich wirklich, aber vielleicht auch noch andere? Bin ich deine Freundin (Liebespartnerin), weil ich dich liebe? Oder weil ich dich küsse? Oder weil ich mit dir schlafe? Hmm.. nur du kannst mich verstehen, wenn ich so schreibe. Nur dir vertraue ich.

Es handelt sich um einen Brief von Frances (der angehenden Schriftstellerin) an Bobbi (ihre Ex). Sie bittet um Entschuldigung, weil sie eine Geschichte über Bobbi veröffentlicht hat ohne deren Erlaubnis einzuholen…
Liebe Bobbi,
heute Abend wurde ich in einer Kirche ohnmächtig, das hätte dir sehr gefallen. Es tut mir leid, dass ich mit meiner Geschichte deine Gefühle verletzt habe. Ich glaube, es hat so wehgetan, weil dadurch klar wurde, dass ich zu jemand anderem ehrlich sein konnte, während ich dir gegenüber nicht ehrlich war. Ich hoffe, dass dies der Grund ist. Ich habe Melissa heute Abend angerufen und sie gefragt, warum sie dir die Geschichte geschickt hat. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass ich in Wirklichkeit fragen wollte: Warum habe ich die Geschichte geschrieben? Es war ein ziemlich peinlicher und wirrer Anruf. Vielleicht ist sie für mich eine Art Mutter. Die Wahrheit ist, dass ich dich liebe und immer geliebt habe. Meine ich das platonisch? Ich habe nichts dagegen, wenn du mich küsst. Die Vorstellung, dass wir beide wieder miteinander schlafen, war immer erregend. Als du mit mir Schluss gemacht hast, kam es mir vor, als hättest du mich bei einem Spiel geschlagen, das wir beide zusammen spielten, und ich wollte dich ebenfalls schlagen. Jetzt denke ich nur, dass ich mit dir schlafen will, ohne metaphern. Das bedeutet nicht, dass ich keine anderen Sehnsüchte habe. Jetzt im Moment esse ich beispielsweise Schokokuchen mit einem Teelöffel aus der Schachtel. Um jemanden im Kapitalismus zu lieben, musst du alle lieben. Ist das Theorie oder nur Theologie? Wenn ich die Bibel lese, stell ich mir dich als Jesus vor, also ist ohnmächtig werden in der Kirche doch eine Metapher. Aber ich versuche jetzt nicht, was Kluges zu sagen. Ich kann mich nicht dafür entschuldigen, dass ich die Geschichte geschrieben oder das Geld genommen habe. Ich kann sagen, es tut mir leid, dass du so schockiert warst, ich hätte dir vorher davon erzählen müssen. Du bist für mich nicht einfach nur eine Idee. Wenn ich dich jemals so behandelt habe, tut es mir leid. Als du an dem einen Abend über Monogamie gesprochen hast, habe ich deinen Verstand geliebt. Ich habe nicht verstanden, was du versucht hast, mir zu sagen. Vielleicht bin ich doch sehr viel dümmer, als wir beide jemals gedacht haben. Als wir zu viert waren, habe ich immer in Paaren gedacht, was ich bedrohlich für mich fand, weil alle möglichen Paarungen, an denen ich keinen Anteil hatte, so viel interessanter erschienen als die mit mir. Du und Nick, du und Melissa, sogar Nick und Melissa auf ihre Art. Aber jetzt verstehe ich, dass nichts aus zwei Menschen besteht oder auch nur drei. Meine Beziehung zu dir wird auch durch deine Beziehung zu Melissa geformt, und zu Nick und zu deinem Kindheits-Ich, etc. etc. Ich wollte etwas für mich allein, weil ich dachte, ich existiere. Du wirst mir zurückschreiben und erklären, wie Lacan das wirklich meinte. Oder vielleicht schreibst du auch gar nicht zurück. Ich wurde wirklich ohnmächtig, falls du etwas gegen meine Prosa einzuwenden hast. Das war nicht gelogen, und ich zittere immer noch. Ist es möglich, dass wir ein Alternativmodell entwickeln, wie wir einander lieben? Ich bin nicht betrunken. Bitte schreib zurück. Ich liebe dich.
Frances.
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